Mit Religion im klassischen Sinn kann ich wenig anfangen. Warum mich der Jakobsweg trotzdem nicht mehr loslässt und was Pilgern mit Spiritualität, Europa und der Begegnung mit sich selbst zu tun hat.
Ich bin ein spiritueller Mensch und glaube an eine schöpferische Urkraft. An etwas, das andere Gott nennen. An die Elemente der Natur und an den immer wiederkehrenden Kreislauf des Lebens. Und obwohl ich schon ein paar Wochen auf dieser Erde wandle und oft darüber nachgedacht habe, finde ich keinen Namen für das, woran ich glaube.
Der römisch-katholischen Kirche habe ich mich verweigert, da war ich gerade einmal sechs Jahre alt. Mir wurden weder Erstkommunion noch Firmung zuteil. Getauft bin ich, aber da hat mich niemand gefragt, ob mir das recht ist.
Dort, wo ich aufgewachsen bin, galt der Pfarrer allein aufgrund seines Amtes als Autoritätsperson. Ich habe erlebt, wie Kinder im Religionsunterricht oder im Pfarrheim vom Herrn in Schwarz gemaßregelt wurden, wenn es einmal zu laut wurde oder nicht andächtig und ernst genug zuging. Und nicht selten war das mit körperlicher Gewalt verbunden.
All das ging mir durch den Kopf, als meine bessere Hälfte mir irgendwann vom Jakobsweg erzählte. Vom Pilgern, nicht vom Wandern. Das ist ein feiner Unterschied, auf den ich hier vielleicht noch einmal eingehen werde. Sie erzählte von den vielen verschiedenen Wegen, die quer durch Europa führen und schließlich in Santiago de Compostela enden. Von Begegnungen und Prüfungen, von Momenten der Erschöpfung und Augenblicken unbeschreiblicher Freude.
„Eh schön“, war mein erster Gedanke.
Obwohl ich leidenschaftlich gerne wanderte und mich für die Geschichte Europas interessierte, hatte ich mich bis dahin nie mit dem Jakobsweg beschäftigt. Eigentlich unbegreiflich, dass mich die auf Wandern, Natur und Bewegung ausgerichteten Algorithmen der sozialen Medien nie mit der Jakobsmuschel oder den gelben Pfeilen konfrontiert hatten.
Mittlerweile bin ich von diesem Thema so beseelt, dass ich andere vermutlich oft damit nerve. Zumindest denke ich das. Gesagt hat es mir noch niemand.
Die Jakobswege sind mehr als ein Netz von Straßen und Pfaden, auf denen Menschen aus religiösen, spirituellen oder sportlichen Gründen nach Spanien pilgern. Seit dem Mittelalter haben diese Wege wesentlich zum Austausch von Menschen, Ideen und Kulturen in Europa beigetragen. Entlang der Routen entstanden Städte und eine Infrastruktur, deren Spuren zum Teil bis heute sichtbar sind.
Vor allem aber bietet das Pilgern die Möglichkeit, sich einige Wochen lang mit sich selbst zu beschäftigen. Auch wenn gerade das manchen Menschen Angst macht. Wir sind es gewohnt, täglich zahllose Pflichten zu erfüllen, unser Pensum zu absolvieren und zu funktionieren. Den gewohnten Trott für eine Weile hinter sich zu lassen, bereitet vielen Menschen Unbehagen.
Denn dann bleibt nicht mehr viel übrig: gehen, essen, schlafen.
Und das tagelang.
Auf meinen Jakobswegen habe ich viele unterschiedliche Menschen kennengelernt. Interessante Persönlichkeiten mit spannenden oder bewegenden Geschichten. Mit manchen ging ich einen ganzen Tag lang, ohne ein Wort zu wechseln. Andere ließen mich über viele Kilometer kaum zu Wort kommen.
Doch diejenigen, die ihren Glauben als Hauptmotiv für die Pilgerreise nannten, waren nicht in der Mehrheit. Menschen pilgern jedenfalls nicht nur, um Vergebung für ihre Sünden zu erlangen.
Jakobsweg also. Irgendwann war es dann so weit. Auch für mich.
Wie es dazu kam, ist eine andere Geschichte.
Gläubig muss man zum Pilgern jedenfalls nicht sein. Aber man sollte bereit sein, sich auf etwas einzulassen – vielleicht sogar auf sich selbst.

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