Bevor der Jakobsweg in mein Leben kam, musste vieles enden. Über Stillstand, das Gehen als ersten Ausweg und darüber, wie aus Spaziergängen irgendwann ein neuer Weg wurde.
2019 war ein Jahr voller Veränderungen für mich. Meine Ehe scheiterte, mein Lebensmittelpunkt änderte sich – und sollte es in den darauffolgenden vier Jahren noch dreimal tun.
Ich hatte mich in Dingen verloren, die mir nur nach außen hin guttaten. Tief in mir sah es anders aus. Ich hatte die Verbindung zu mir verloren, folgte falschen Idealen und Menschen, die es nicht gut mit mir meinten. Und ich trank zu viel.
Dann kam 2020. Zu all dem gesellte sich auch noch der Verdacht auf eine Krebserkrankung. Wenige Tage nach der möglichen Diagnose steckte man mich und das ganze Land in einen Lockdown, in dem ich Einsamkeit am eigenen Leib kennenlernen musste.
Menschen wurden voneinander getrennt und isoliert. Die wenigen, die mir im Scherbenhaufen meiner damaligen Existenz geblieben waren, befanden sich plötzlich hinter Videotelefonaten und Messengerdiensten. Persönliche Begegnungen gab es nur gelegentlich – und mit dem berühmten Abstand eines Babyelefanten.
Mein Leben war an einem Stoppschild angekommen.
Nichts ging mehr.
Es waren die ausgedehnten Spaziergänge durch die Wälder meiner Umgebung, die mich im wahrsten Sinne des Wortes am Leben hielten. Obwohl ich mich immer schon gerne bewegt hatte, lernte ich die Natur von einer neuen, einer stillen Seite kennen.
Nicht selten hatte ich tief zwischen den Bäumen das Gefühl, als wäre die Natur in diesem Moment nur für mich da.
Aus den Stunden im Freien wurde nach und nach mehr. Schließlich begann ich zu wandern. Touren zu gehen, die diesen Begriff auch verdienten.
Dort konnte ich klar denken. Ich konnte meinen Ängsten für einige Stunden entkommen und Entscheidungen treffen, die mich langsam zurück in mein Leben führten.
Einen Plan für einen Neuanfang hatte ich damals nicht.
Es geschah nach und nach.
Mit jedem Schritt. Mit jedem Erlebnis weit draußen. Mit jedem Sonnenaufgang und jeder Brise, die mein Gesicht streichelte.
Viele Dinge kamen ins Rollen. Ich verabschiedete mich von Altem und lernte Neues kennen. Dass ich längst auf dem Weg zurück war, merkte ich erst, als ich irgendwann über meine Schulter blickte und feststellte, dass mich die Dinge, die dort hinten wie Trümmer herumlagen, nicht mehr belasteten.
Und irgendwann begann ich wieder, Buchstaben zusammenzusetzen.
Texte zu schreiben war immer ein großer Teil von mir gewesen. So sehr ich in meinen dunkelsten Stunden auch versucht hatte, mir durch Kreativität einen Weg aus dem Tunnel zu suchen – es war mir nicht möglich gewesen.
Es war noch nicht so weit.
Weit zurück lag die Zeit, in der ich Kriminalromane geschrieben und an literarischen Projekten gearbeitet hatte. Das Schreiben war irgendwann verstummt.
Doch es fehlte noch eine letzte Abzweigung. Ein steiler Pfad, der mich schließlich dorthin zurückführte, wo ich lange nicht mehr gewesen war:
zu mir selbst.
Ich lernte den Jakobsweg kennen.
Und genau darum wird es hier in den nächsten Wochen und Monaten gehen: um das Pilgern auf den Jakobswegen, um Begegnungen und Einsamkeit, um Zweifel, Müdigkeit und diese besonderen Momente, für die man manchmal Tausende Schritte gehen muss.
Vor allem aber wird es um die Wege gehen, die nicht auf einer Landkarte eingezeichnet sind.
Um jene vielen Schritte, die mich wieder zu einem glücklichen Menschen gemacht haben.

Bild mit KI generiert.
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