Alleine pilgern

Ich habe mich bewusst dazu entschieden, den ältesten und angeblich anspruchsvollsten Jakobsweg alleine zu gehen. Weil ich spürte, dass es so sein musste. Zu viele Themen hatte ich im Kopf, über die ich in Asturien und Galicien nachdenken wollte.

Trotzdem war mir mulmig bei dem Gedanken. Natürlich ist man auf einem Camino selten wirklich allein. Man begegnet anderen Pilgern, sitzt gemeinsam beim Essen, schläft in denselben Herbergen. Manche trifft man über mehrere Tage hinweg immer wieder. Aber es ist etwas anderes, ob man gemeinsam mit jemandem aufbricht oder morgens den Rucksack nimmt und weiß: Heute entscheidet niemand außer mir, wie dieser Tag verläuft. Genau davor hatte ich mehr Respekt, als eigentlich nötig gewesen wäre.

Was ist, wenn ich mich verletze? Was ist, wenn ich einen schlechten Tag habe? Was, wenn ich irgendwann einfach keine Lust mehr habe? Und was passiert, wenn ich mich einsam fühle? Ich zerdenke gerne Dinge, das habe ich hier schon öfter geschrieben. Wenn etwas noch weit weg ist, finde ich erstaunlich viele Möglichkeiten, wie es verlaufen könnte. Beantworten lassen sich solche Fragen zu Hause trotzdem nicht.

Als ich Ende April in Oviedo meinen Camino Primitivo begann, blieb deshalb irgendwann nur das übrig, was bei jedem Camino übrig bleibt: Rucksack auf, losgehen. Die erste Etappe führte nach Grado. Und plötzlich war das Alleinegehen keine Vorstellung mehr, sondern einfach das, was ich tat.

Schon nach kurzer Zeit merkte ich etwas, das banal klingt und es trotzdem nicht ist: Alleine pilgern und einsam pilgern sind zwei verschiedene Dinge. Man geht ein Stück gemeinsam, verliert sich wieder, trifft sich vielleicht zwei Tage später in einer Herberge oder sitzt abends zufällig am selben Tisch. Manche Begegnungen bleiben oberflächlich. Andere werden innerhalb weniger Stunden erstaunlich persönlich. Und manchmal möchte man einfach seine Ruhe haben.

Der eigene Weg darf der eigene bleiben

Vielleicht liegt genau darin eine Besonderheit des Alleinepilgerns. Man kann Nähe zulassen, ohne sie organisieren zu müssen. Niemand wartet darauf, dass man endlich weitergeht. Niemand ist beleidigt, wenn man eine Stunde schweigen möchte. Ergibt sich ein Gespräch, bleibt man stehen oder geht ein Stück mit. Das klingt nach einer Kleinigkeit. Für mich war es keine.

Auch beim Gehen selbst verändert sich etwas. Man muss sich mit niemandem einigen, wann morgens aufgebrochen wird, und niemandem erklären, warum man gerade eine Pause braucht. Man kann schneller gehen oder langsamer, irgendwo sitzen bleiben, obwohl es dafür keinen vernünftigen Grund gibt. Und man kann einen Plan ändern.

Gerade das wurde auf meinem Primitivo wichtig. Die Hospitales – Route gehörte zu den Abschnitten, vor denen ich im Vorfeld Respekt hatte: Berge, Wetter, wenig Versorgung, ein Weg, bei dem man wissen sollte, worauf man sich einlässt.

Ich ging sie.

Später meldete sich meine Achillessehne. Andere Beschwerden kamen dazu. Irgendwann war klar, dass mein Körper sich wenig für den Zeitplan interessierte, den ich ursprünglich im Kopf gehabt hatte. In Lugo blieb ich deshalb drei Tage.

Früher hätte ich das vielleicht als Schwäche empfunden. Vielleicht sogar als scheitern. Heute sehe ich es anders. Ich musste niemandem erklären, warum ich blieb, nicht überlegen, ob jemand wegen mir einen Tag verliert oder seine Pläne ändern muss. Ich blieb, weil es in diesem Moment richtig war. Danach ging ich weiter. Vielleicht ist genau das eine der größten Freiheiten des Alleinepilgerns.

Freiheit bedeutet Verantwortung

Das klingt jetzt fast so, als wäre alleine pilgern nur befreiend. Das wäre zu einfach. Wenn es schwierig wird, ist zunächst niemand da, dem man die Entscheidung übertragen kann. Soll ich weitergehen? Soll ich aufhören? Ist dieser Schmerz noch in Ordnung, oder habe ich mich verlaufen, oder kommt mir der Weg nur falsch vor? Man kann jemanden fragen, und auf einem Camino bekommt man meistens Hilfe, wenn man sie braucht. Die Entscheidung bleibt trotzdem bei einem selbst.

Auch ein schlechter Tag wird nicht automatisch besser, nur weil man alleine unterwegs ist. Regen bleibt Regen. Schmerzen bleiben Schmerzen. Und der eigene Kopf reist ohnehin mit.

Wer glaubt, beim Alleinepilgern wochenlang in einer Art friedlicher Meditation durch Spanien zu schweben, wird überrascht. Man kann sich auch hervorragend über sich selbst ärgern. Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum mich dieser Camino stärker beschäftigt hat als meine beiden Wege davor. Es gab mehr Zeit, in der niemand sprach, mehr Zeit, in der ich auf niemanden reagieren musste – und damit weniger Möglichkeiten, mich von meinen eigenen Gedanken abzulenken.

Das bedeutet nicht, dass auf einem Camino plötzlich alle großen Fragen des Lebens beantwortet werden. Diese Vorstellung gefällt mir ohnehin immer weniger. Der Weg verändert einen Menschen nicht automatisch, löst keine Probleme, nur weil man viele Kilometer zu Fuß zurücklegt. Santiago ist keine Maschine, in die man oben eine Lebenskrise hineinwirft und unten als neuer Mensch wieder herauskommt.

Aber ein Weg kann Bedingungen schaffen, unter denen manche Dinge deutlicher werden. Vielleicht, weil der Alltag für eine Weile einfacher wird. Aufstehen. Rucksack packen. Gehen. Essen. Schlafen. Am nächsten Morgen wieder los. Dazwischen bleibt erstaunlich viel Raum.

Begegnungen, die unterwegs entstehen

Interessanterweise glaube ich heute, dass ich gerade deshalb vielen Menschen begegnet bin, weil ich alleine unterwegs war. Wer zu zweit oder in einer Gruppe geht, hat seine Gesprächspartner bereits dabei. Wer alleine unterwegs ist, wirkt vermutlich ein wenig offener. Ein Gespräch beginnt schnell: Woher kommst du? Wo hast du begonnen? Wie weit gehst du heute? Die klassischen Pilgerfragen.

Manchmal bleibt es dabei. Manchmal ist man zehn Minuten später bei Themen, über die man zu Hause nicht einmal mit Menschen spricht, die man wesentlich länger kennt. Vielleicht, weil man weiß, dass man sich morgen schon nicht mehr sieht. Es gibt wenig zu verlieren, und nichts aufrechtzuerhalten.

Trotzdem glaube ich nicht, dass jeder Mensch unbedingt einmal alleine pilgern sollte. Das wäre wieder so eine dieser Camino-Weisheiten, die schön klingen und wenig bringen. Manche möchten Erlebnisse teilen, freuen sich darauf, abends mit einem vertrauten Menschen über den Tag zu sprechen. Andere fühlen sich sicherer, wenn jemand neben ihnen geht. Daran ist nichts falsch. Alleine zu gehen ist keine höhere Form des Pilgerns.

Für mich war es einfach die richtige. Vielleicht auch, weil ich erleben wollte, wie es sich anfühlt, wenn über längere Zeit niemand für meinen Tag verantwortlich ist außer mir selbst. Keine Gruppe, kein Begleiter, niemand, dessen Erwartungen ich erfüllen muss. Das klingt nach Freiheit. Aber Freiheit bedeutet eben auch, die eigenen Entscheidungen auszuhalten.

Und die Angst vor der Einsamkeit? Sie war weitgehend unbegründet. Ich war alleine unterwegs, aber nur selten einsam. Und wenn ich wirklich alleine sein wollte, musste ich es niemandem erklären. Das war vielleicht der größte Unterschied zu dem, was ich mir vorher vorgestellt hatte. Alleinepilgern bedeutete für mich nicht, wochenlang von Menschen getrennt zu sein, sondern selbst entscheiden zu können, wann ich Gemeinschaft möchte und wann nicht. Diese Möglichkeit habe ich mehr geschätzt, als ich vor dem Camino erwartet hätte.

Würde ich wieder alleine gehen? Ja. Nicht, weil mein Camino Primitivo dadurch besser war als meine anderen. Er war anders. Er hat mich körperlich stärker gefordert, mich gezwungen, Pläne zu ändern, und mir mehr Zeit mit mir selbst gegeben, als meine Wege davor. Manches davon war angenehm, manches weniger. Aber wahrscheinlich gehört auch das dazu.

Wenn ich heute an einen nächsten Camino denke, macht mir das Alleinegehen jedenfalls keine Sorgen mehr. Andere Dinge werde ich wieder gründlich durchdenken. Welcher Weg, welche Jahreszeit, welche Etappen, wie schwer der Rucksack. Ich kenne mich. Grübeln, das kann ich.

Nur eine Frage kann ich inzwischen von meiner Liste streichen: ob ich alleine losgehen kann.

Das weiß ich jetzt.


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